Der Penoidaufbau (auch Phalloplastik genannt) ist eine der komplexesten geschlechtsangleichenden Operationen. Für viele Trans*-Männer stellt sie einen wichtigen Schritt dar, um den eigenen Körper mit der Geschlechtsidentität in Einklang zu bringen. Auf dieser Seite findest du alle wichtigen Informationen zu den verschiedenen Methoden, dem Ablauf und der Kostenübernahme.
Was ist ein Penoidaufbau?
Beim Penoidaufbau wird aus körpereigenem Gewebe ein Penis (Penoid oder Neopenis) geformt. Im Gegensatz zur Metoidioplastik, bei der die durch Testosteron vergrösserte Klitoris verwendet wird, entsteht bei der Phalloplastik ein grösseres Genital mit durchschnittlicher Penislänge.
Wichtig zu wissen
Die Entscheidung für oder gegen einen Penoidaufbau ist sehr persönlich. Nicht jeder Trans*-Mann wünscht sich diese Operation - und das ist völlig in Ordnung. Es gibt keinen "richtigen" Weg der Transition.
Die wichtigsten OP-Methoden
Radialis-Lappen (Unterarm-Methode)
Bei dieser Methode wird Haut und Gewebe vom Unterarm verwendet, um das Penoid zu formen. Die Radialis-Methode gilt als eine der bewährtesten Techniken.
Vorteile:
- Gute Sensibilität möglich durch Nervenanschluss
- Natürliches Aussehen
- Langjärige Erfahrungswerte vorhanden
Nachteile:
- Sichtbare Narbe am Unterarm
- Hauttransplantat an der Entnahmestelle nötig
ALT-Lappen (Oberschenkel-Methode)
Bei der ALT-Technik (Anterolateral Thigh) wird Gewebe vom Oberschenkel entnommen. Diese Methode wird zunehmend beliebter.
Vorteile:
- Narbe besser zu verbergen (am Oberschenkel)
- Mehr Gewebe verfügbar
- Keine Beeinträchtigung der Armfunktion
Nachteile:
- Teilweise dickeres Gewebe
- Je nach Klinik weniger Erfahrung
Weitere Methoden
Es existieren auch andere Techniken wie der MLD-Lappen (Musculus Latissimus Dorsi) oder kombinierte Verfahren. Die Wahl der Methode hängt von individuellen Faktoren und der Expertise der Klinik ab.
Ablauf des Penoidaufbaus
Der Penoidaufbau erfolgt meist in mehreren Operationsschritten:
| Phase | Beschreibung | Zeitrahmen |
|---|---|---|
| 1. Hauptoperation | Bildung des Penoids aus Spendergewebe, Harnröhrenverlängerung | 6-10 Stunden |
| 2. Heilungsphase | Stationärer Aufenthalt, Wundheilung, Mobilisierung | 2-4 Wochen |
| 3. Korrektur-OPs | Anpassungen, ggf. Hodenimplantate, Glansplastik | nach 3-6 Monaten |
| 4. Erektionsprothese | Optional: Einsetzen einer Schwellkörperprothese | nach 12+ Monaten |
Voraussetzungen für die OP
Für einen Penoidaufbau mit Kostenübernahme durch die Krankenkasse sind in der Regel folgende Voraussetzungen zu erfüllen:
- Diagnose der Geschlechtsinkongruenz (F64.0 nach ICD-10 bzw. HA60 nach ICD-11)
- Psychotherapeutische Begleitung (Indikationsschreiben)
- In der Regel mindestens 12 Monate Hormontherapie
- Alltagstest im empfundenen Geschlecht
- Genehmigung durch die Krankenkasse nach MDK-Begutachtung
Tipp
Viele Kliniken bieten Vorgespräche an, bei denen du dich unverbindlich über die Möglichkeiten informieren kannst. Nutze diese Chance, um verschiedene Methoden und Chirurgen kennenzulernen.
Risiken und Komplikationen
Wie bei jeder grösseren Operation gibt es auch beim Penoidaufbau mögliche Komplikationen:
- Harnröhrenkomplikationen: Fisteln oder Strikturen (Verengungen) sind relativ häufig und können Nachoperationen erfordern
- Durchblutungsstörungen: In seltenen Fällen kann die Durchblutung des Transplantats beeinträchtigt sein
- Sensibilitätsverlust: Die Sensibilität entwickelt sich über Monate und kann variieren
- Wundheilungsstörungen: Sowohl an der Empfänger- als auch an der Spenderstelle möglich
- Narbenkomplikationen: Narbenbildung an der Entnahmestelle
Erfahrene Operateure und spezialisierte Kliniken können das Risiko von Komplikationen deutlich reduzieren. Informiere dich graundlich über die Erfahrungswerte der Klinik.
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Die Kosten für einen Penoidaufbau werden grundsätzlich von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen übernommen. Der Weg zur Genehmigung kann jedoch lang sein.
So gehst du vor:
- Indikationsschreiben von deinem Therapeuten oder Psychiater einholen
- Antrag bei der Krankenkasse mit allen erforderlichen Unterlagen stellen
- MDK-Begutachtung abwarten (kann mehrere Wochen dauern)
- Genehmigung oder Widerspruch: Bei Ablehnung hast du das Recht auf Widerspruch
Kosten bei Selbstzahlung
Falls du die OP privat zahlen müsstest, liegen die Kosten je nach Methode und Klinik bei 20.000 bis 50.000 Euro. Bei Ablehnung durch die Kasse lohnt sich daher fast immer ein Widerspruch.
Kliniken in Deutschland
In Deutschland gibt es mehrere Kliniken mit Erfahrung im Bereich Penoidaufbau. Zu den bekanntesten gehören:
- Agaplesion Markus Krankenhaus Frankfurt - Eines der grössten Zentren
- Universitätsklinikum Essen - Langjärige Erfahrung
- Lubos Kliniken München - Verschiedene Techniken im Angebot
- Universitätsklinikum Münster - Forschung und Praxis
Die Wartezeiten können je nach Klinik mehrere Monate bis über ein Jahr betragen. Eine frühzeitige Kontaktaufnahme ist daher empfehlenswert.
Nach der Operation
Die Heilung nach einem Penoidaufbau daürt mehrere Monate. In dieser Zeit ist Geduld gefragt:
- Erste Wochen: Körperpflege, Verbandswechsel, eingeschränkte Mobilität
- Monate 1-3: Langsame Steigerung der Aktivität, regelmässige Kontrollen
- Monate 3-12: Rückkehr der Sensibilität, ggf. Korrekturoperationen
- Nach 12+ Monaten: Optional Erektionsprothese, Abschluss der Heilung
Häufige Fragen zum Penoidaufbau
Ist nach dem Penoidaufbau eine Erektion möglich?
Eine natürliche Erektion ist mit dem Penoid nicht möglich, da keine Schwellkörper vorhanden sind. Es besteht jedoch die Möglichkeit, eine Erektionsprothese einsetzen zu lassen, die eine Versteifung ermöglicht.
Bleibt die Sensibilität erhalten?
Durch den Anschluss von Nerven kann erotische Sensibilität erreicht werden. Die Entwicklung der Empfindung daürt oft 12-24 Monate und ist individuell unterschiedlich.
Kann ich nach der OP im Stehen urinieren?
Ja, bei erfolgreicher Harnröhrenverlängerung ist das Wasserlassen im Stehen möglich. Allerdings ist dieser Teil der OP mit einem gewissen Komplikationsrisiko verbunden.