Internationale Behandlungsempfehlungen
Die WPATH (World Professional Association for Transgender Health) erarbeitet regelmäßig aktuelle Behandlungsstandards mit internationalem Geltungsanspruch - die sogenannten "Standards of Care" (SoC). An ihrer Erstellung sind auch deutsche Wissenschaftler sowie Betroffene beteiligt.
Die aktuellen WPATH-Standards können von der offiziellen WPATH-Website heruntergeladen werden und dienen weltweit als Orientierung für die medizinische Versorgung von Trans*-Menschen.
S3-Leitlinie in Deutschland
In Deutschland gibt es seit 2018 die S3-Leitlinie "Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit" der AWMF. Diese Leitlinie ersetzt die veralteten Behandlungsrichtlinien und bietet eine moderne, patientenzentrierte Orientierung.
Wichtig
Behandlungsstandards haben keinen bindenden oder gesetzlichen Charakter. Die Behandlung liegt im Verantwortungsbereich des behandelnden Arztes und sollte individuell auf die Bedürfnisse der Patient*innen abgestimmt sein.
Diagnosekriterien
ICD-11 (ab 2022)
In der aktuellen ICD-11 wird Transsexualität nicht mehr als psychische Störung klassifiziert, sondern unter "Zustände im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit" geführt. Der neue Begriff lautet "Geschlechtsinkongruenz".
Diagnosekriterien nach DSM-5
Das amerikanische Diagnosemanual DSM-5 verwendet den Begriff "Geschlechtsdysphorie" und definiert folgende Kriterien:
- Kriterium A: Eine tiefgreifende und andauernde Identifikation mit dem biologisch anderen Geschlecht
- Kriterium B: Ein andauerndes Unbehagen oder Gefühl der Inadäquatheit im zugewiesenen Geschlecht
- Kriterium C: Ausschluss eines Intersex-Syndroms
- Kriterium D: Nachweis von klinisch signifikantem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen
Medizinische Maßnahmen
Hier findest du detaillierte Informationen zu den wichtigsten medizinischen Behandlungen:
Penoidaufbau
Genitalangleichende Operation für Transmänner - Verfahren und Kliniken.
Mehr erfahren →| Massnahme | Beschreibung |
|---|---|
| Hormontherapie | Östrogen- oder Testosteronbehandlung zur körperlichen Angleichung |
| Epilation | Dauerhafte Haarentfernung (MzF) |
| Mastektomie | Brustentfernung (FzM) |
| Brustaufbau | Bei unzureichendem Brustwachstum durch Hormone (MzF) |
| Genital-OP (Penoidaufbau) | Geschlechtsangleichende Operation (FzM) |
| Stimmtherapie | Logopädie oder operative Stimmanhebung |
Kritik an älteren Standards
Die älteren Behandlungsrichtlinien (z.B. die SoC der DGFS von 1997) standen in der Kritik:
- Sie gingen von einer überholten Ursachentheorie aus
- Die Selbstdiagnostik wurde unterschätzt
- Sie wurden ohne Mitwirkung von Betroffenen aufgestellt
- Die Psychotherapie-Pflicht war ethisch und rechtlich problematisch
- Starre Zeitraster statt individueller Betrachtung
Moderne Sichtweise
Heute benennen führende Ärzte und Fachleute die pränatale Prägung als wahrscheinlichste Ursache der Transsexualität - eine vorgeburtliche Prägung des Gehirns, die nicht mehr zu ändern ist. Diese Sichtweise ermöglicht eine zutreffendere medizinische und soziale Hilfe.
MDS-Begutachtungsrichtlinien
Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) hat eigene Begutachtungsrichtlinien für die Kostenübernahme bei Transsexualität erstellt. Diese werden bei Anträgen auf Kostenübernahme herangezogen.
Aus Sicht von Betroffenenorganisationen sind diese Richtlinien teilweise restriktiver als die aktuellen wissenschaftlichen Standards und können zu Problemen bei der Kostenübernahme führen.
Behandlungsablauf in der Praxis
- Erstgespräch bei einem erfahrenen Therapeuten oder Arzt
- Diagnostische Phase zur Feststellung der Geschlechtsinkongruenz
- Indikationsstellung für gewünschte Maßnahmen
- Antrag bei der Krankenkasse auf Kostenübernahme
- Begutachtung durch den Medizinischen Dienst
- Beginn der Behandlung (Hormone, ggf. OPs)