Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie

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Im Rahmen der Erarbeitungen von Empfehlungen für einen NRW-Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie hat das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter (MGEPA) des Landes Nordrhein-Westfalen eine Studie zur Lebenssituation transsexueller Menschen in NRW gefördert, welche als erste empirische Studie einen Einblick in deren aktuelle Situation und Lebensvielfalt gibt. Für die Studie wurden 30 Interviews geführt und 68 Fragebögen mit insgesamt 89 Fragen zu 13 Themengebieten ausgewertet. Erfasst wurden insgesamt 98 Personen. Seit 1999 wurden in NRW ca. 2521 Verfahren nach TSG (VÄ oder PÄ) durchgeführt.1 Die Stichprobe umfasst also mindestens 3 % der transsexuellen Menschen in NRW.

Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, sind transsexuelle Menschen mit multiplen Belastungssituationen und Problemen in verschiedenen Lebensbereichen konfrontiert. Die Befragten berichteten von unterschiedlichen Erfahrungen mit Akzeptanz und Diskriminierung vor, während und nach der Phase der Transition und wählten unterschiedliche Bewältigungsstrategien, um mit den Problemen umzugehen.

Alle Interviewpartner_innen,2 egal ob sie noch am Beginn ihrer Transition stehen oder sie schon länger abgeschlossen haben, gaben allerdings an, dass sie diesen Schritt nochmals gehen würden und dass sich ihre Lebensqualität nachhaltig verbessert habe, obwohl viele auf große Widerstände und Probleme gestoßen sind. Dies zeigt, wie zwingend es für sie war bzw. ist, ihre eigene Identität offen zu leben. Teilweise haben sie – auch wenn die Transition bereits länger zurückliegt – noch immer mit den gravierenden Folgen dieses Schrittes zu kämpfen wie z.B. Ausgrenzung im sozialen Umfeld und in der Familie, Arbeitsplatzverlust, finanzielle und gesundheitliche Probleme usw.

Transsexuelle Menschen treffen häufig auf Menschen, die mit dem Thema überfordert sind – entweder aus mangelndem Wissen über Transsexualität und die besonderen Probleme, die daraus im alltäglichen Leben für die Betroffenen resultieren, oder in anderen Fällen auch aus Transphobie, also einer generellen Ablehnung transsexueller Menschen.

Mangel an Zugang zu verlässlichen Informationen, an Aufklärung und Sensibilisierung zu Fragen der Transsexualität zeigt sich in fast allen Bereichen, auch in der öffentlichen Verwaltung und dem Gesundheitswesen. Oft fehlt es hier, neben der notwendigen Sensibilität und trotz entsprechender gesetzlicher Vorschriften, häufig am nötigen Wissen und vor allem auch am Willen, gesetzliche Regelungen und entsprechende gerichtliche Entscheidungen umzusetzen. So bereitet z.B. das für die berufliche Integration so wichtige Umschreiben von Papieren (Abschlüsse, Schul- oder Arbeitszeugnisse, Beurteilungen etc.) häufig Schwierigkeiten, obwohl die Rechtslage eindeutig ist. Immer wieder kommt es auch vor, dass Behörden, sogar Gerichte, nach einer Vornamensänderung die Anrede nicht entsprechend ändern. So werden dann beispielsweise eine Lohnsteuerkarte oder Wahlbenachrichtigung an einen „Herrn Martina Schulze“ oder „Frau Martin Schulze“ adressiert, mit der Gefahr eines ungewollten Outings im Beruf und Privatleben, was die Betroffenen unter einen nicht unerheblichen psychischen Druck stellt.

Fehlende Kompetenz im sozialen Umfeld, wie auch von Betroffenen, die entstehenden Konflikte zu lösen, führt oft zur Eskalation, was beispielsweise im beruflichen Umfeld zum Arbeitsplatzverlust und zu lang andauernder Arbeitslosigkeit führen kann. Folge davon sind oft finanzielle Probleme, Verarmung und ein sozialer Abstieg.

Der Zugang zu Ressourcen (Geld, Bildung, Ansehen, stabiles soziales Netzwerk) kann viele Probleme der Transition abmildern, entsprechend kann ein Mangel an Ressourcen viele Probleme verschärfen. Finanziell schlechter gestellte Transsexuelle können beispielsweise Ablehnungen der Krankenkassen nicht durch eigene Mittel kompensieren, Behandlungen selbst zahlen und haben weniger Möglichkeiten ihre Rechte durchzusetzen, etwa mit Hilfe eines Rechtsbeistandes. Durch den sozialen Wechsel ins weibliche Geschlecht sehen sich Transfrauen teilweise Diskriminierungen als Frauen ausgesetzt. Transmänner erfahren dagegen einen Statusgewinn als Männer.

Die Studie zeigte, dass es neben der Aufklärung vor allem hinsichtlich Beratung für transsexuelle Menschen, für ihre Angehörigen und die mit dem Thema konfrontierten Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen (Schulen, Behörden, Arbeitgeber, Verbände, Gesundheitssystem usw.) an Abstimmung und Koordination fehlt. Insbesondere die interviewten Betroffenen wünschen sich dringend eine zentrale Anlaufstelle. Um dieses Defizit zu beheben fordern die Betroffenen die Förderung des Aufbaus einer Landeskoordinationsstelle für den Bereich Trans*, bei der Informationen, Fachkompetenzen und Beratungsangebote gebündelt und Informations- und Beratungssuchenden zur Verfügung gestellt werden. Die Einbeziehung Betroffener wird dabei als wichtige Voraussetzung angesehen, um den Erfolg dieser Maßnahme zu gewährleisten.

(1) Hochgerechnet aus dem Bundesdurchschnitt von max. 0,01413 % der in Deutschland lebenden Menschen, die seit 1995 ein Verfahren nach TSG (VÄ oder PÄ) durchgeführt haben (11514 Verfahren nach TSG) und einer aktuellen Einwohnerzahl von NRW von 17,844 Millionen, vgl. Bundesamt für Justiz – Referat III 3 3004/2c -B7 299/2011: Zusammenstellung der Geschäftsübersichten der Amtsgerichte für die Jahre 1995-2007, Stand 23.9.2011.

(2) Im Rahmen dieser Studie wurden nur Menschen befragt, welche die Transition (VÄ/PÄ) durchlaufen haben, sich im Verfahren nach TSG befinden oder dieses in Kürze planen und diesbezüglich erste konkrete Schritte unternommen haben. Menschen, die den Weg der Transition noch nicht offiziell gegangen sind oder gehen, wurden nicht erfasst.

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